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Beiträge aus dem Hauptmann-Blog

Vor fast 10 Jahren habe ich begonnen, die Webseiten für die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., Berlin, aufzubauen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, blieb ich Alleinautor insbesondere des Hauptmann-Blogs, ein wenig kaschiert durch gelegentliche Veröffentlichung weniger inhaltsreicher Mitteilungen unter dem Nutzernamen »Redaktion«.

Inzwischen habe ich mich entschieden, nach fast 20 Jahren als aktives Mitglied, zum Ende des Jahres 2017 aus der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft auszutreten. Da derzeit ungeklärt ist, ob die Webseiten in der bestehenden Form weitergepflegt werden und ob die Inhalte erhalten bleiben, habe ich sicherheitshalber einen Teil meiner Beiträge aus dem Hauptmann-Blog hierher übernommen. Sie sind nicht nachträglich bearbeitet und wurden automatisch unter dem ursprünglichen Erscheinungsdatum einsortiert. Kollateralschäden des Exports aus der einen WordPress-Instanz und der Imports in die andere WordPress-Instanz sind nicht auszuschließen, auf den ersten Blick sieht es aber ganz ordentlich aus.

Neue Literaturhinweise

Die für 2016 einzige Lieferung der Hinweise auf neue und bisher nicht angezeigte Hauptmann-Literatur ist fertiggestellt und nun online abrufbar. Da im letzten Jahr kein Versand an die Mitglieder der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft vorgesehen war, entfielen a) der Termindruck, der sonst vielleicht für schnellere Bereitstellung gesorgt hätte, und b) die Notwendigkeit, den Umfang auf zwei Seiten zu beschränken. Die Literaturhinweise erscheinen daher nun in lesefreundlicherer Schriftgröße.

Gerhart Hauptmanns Werke gemeinfrei

Am 6. Juni 1946 starb Gerhart Hauptmann, sein Todestag jährte sich 2016 zum siebzigsten Mal. „Das Urheberrecht erlischt siebzig Jahre nach dem Tode des Urhebers“ (§ 64 UrhG). Ab 1. Januar 2017 sind Hauptmanns Werke daher gemeinfrei, d.h. insbesondere, daß sie nun ohne Genehmigung und ohne Vergütungspflicht aufgeführt, nachgedruckt, im Internet veröffentlicht und bearbeitet werden dürfen.

Eine Liste der weiteren zahlreichen Autoren, deren Werk mit Ablauf des Jahres 2016 gemeinfrei geworden sind, bietet die Wikipedia.

 

Gerhart Hauptmann in Stuttgart

In Stuttgart zeigt das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg schon seit 28. Oktober 2015 zwei Hauptmann-Ausstellungen. Die Ausstellung „Gerhart Hauptmann: Der Dichter der Menschlichkeit“ wurde zuerst 2012 in Königswinter gezeigt, und die Originalausstellung „hauptmann-bruch-stücke“ will dem Betrachter keine Interpretetation aufdrängen, sondern bietet den Besuchern – laut Ankündigung – „Puzzle-stücke, aus denen sie sich ihr eigenes Hauptmann-Bild zusammensetzen können. hauptmann-bruch-stücke möchte neugierig machen auf die Werke einer großen, schwer zu fassenden Künstlerpersönlichkeit“.

Beide Ausstellungen sind noch bis zum 24. März 2016 zu sehen. Begleitet werden sie von einem Lesungs- und Vortragsprogramm mit noch drei Terminen:

Neue Literaturhinweise

Nachdem es 2014 nur eine Lieferung gab, erhielten die Mitglieder der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft in diesem Jahr wieder zwei Lieferungen mit Hinweisen auf neue Hauptmann-Literatur. Etwas verspätet sind nun beide Lieferungen auch online zu finden.

Der Umfang geht weiter zurück, was damit zusammenhängen könnte, daß die Produktionen zum Jubiläumsjahr 2012 durch sind. Ein weiterer Grund liegt darin, daß ich nur noch Titel aufnehme, die ich auch autopsieren konnte. Der dafür nötige Aufwand steht leider in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum (anzunehmenden) Wert der Publikationen, daher hat der Bodensatz nicht autopsierter Einträge in der Datenbank weiter zugenommen.

Festschrift für Peter Sprengel

Kürzlich erschien eine Festschrift für Peter Sprengel, der nicht nur, aber doch sehr als Hauptmann-Forscher bekannt ist. So versteht es sich beinahe von selbst, daß sich der umfangreiche Sammelband nicht nur, aber doch auch Werk und Leben Gerhart Hauptmanns widmet. Als Vorgriff auf die nächste Lieferung der Literaturhinweise hier bereits die bibliographischen Angaben:

Lörke, Tim, Gregor Streim und Robert Walter-Jochum (Hrsg.): Von den Rändern zur Moderne. Studien zur deutschsprachigen Literatur zwischen Jahrhundertwende und Zweitem Weltkrieg. Festschrift für Peter Sprengel zum 65. Geburtstag. Würzburg 2014. – 504 S. – ISBN: 978-3-8260-5484-6 – 49,80 €.

Der Themenblock »Ein Großer vom Rande – Der Schlesier Gerhart Hauptmann« enthält folgende (mit Ausnahme des originellen ersten: wissenschaftliche) Beiträge:

  • Astrid Arz: Gerharts Traum. Konkret prosaisches Anagrammnonsensepoesiedrama, teils mit Tippfehlern, teils in naturalistisch-hartdeutscher Mundart, S. 107–109
  • Achim Aurnhammer: »Wenn ich was könnte […] und wenn der Hauptmann gescheidt wär« – Arthur Schnitzlers Wettstreit mit Gerhart Hauptmann, S. 111–126
  • Bernhard Tempel: Passive und naive Helden. Georg Lukács als Kritiker der Tragödie Gerhart Hauptmanns, S. 127–146
  • Antje Johanning-Radžienė: »In der Sinfonie der letzten vier Jahrzehnte ist sie der unbeirrbare, starke, tiefe Orgelpunkt.« Käthe Kollwitz und Gerhart Hauptmann, S. 147–170
  • Wojciech Kunicki: Die Wirklichkeit der Mythen. Zu Gerhart Hauptmanns Beschreibung des Zobten-Kommers in Das Abenteuer meiner Jugend, S. 171–184
  • Krzystof A. Kuczyński: Die Feiern zu Gerhart Hauptmanns 80. Geburtstag in Hirschberg 1942, S. 185–193
  • Till Becker und Edith Wack: »Sich äussern heisst äusserlich werden.« Ein Versuch über Gerhart Hauptmann als Briefschreiber, S. 195–222
  • Jutta Weber: Gerhart Hauptmanns Briefnachlass und das Projekt »Gerhart Hauptmann digital«, S. 223–231

Gedichte und Versfragmente von Sigfrid Hoefert

Schon 2013 erschien unter dem Titel Unterwegs ein Bändchen mit Gedichten und Versfragmenten von Sigfrid Hoefert.[1] Der Autor, Jahrgang 1925, ist Germanist und in der Hauptmann-Forschung vor allem bekannt als Hauptmann-Bibliograph. Nach dem Tod Rudolf Ziesches ist er eines der beiden Ehrenmitglieder der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V.

Der ein Jahr später veröffentlichte zweite Gedichtband, Auf Wegen und Umwegen[2] enthält auch drei Gedichte, die sich auf Gerhart Hauptmann beziehen. Besonders gelungen scheint mir Schlesische Kriegsspiele, weil es auf kürzestem Raum Spannweite, aber auch überwiegende Tendenz von Hauptmanns Äußerungen zum Krieg zusammenfaßt. Mit der freundlichen Erlaubnis des Verfassers sei es hier wiedergegeben:

 

Schlesische Kriegsspiele

Den Frieden preist Hauptmann im Festspiel
und trifft mit seinen Reimen kriegerische Heißsporne,
und später zur Vernichtung der Elbmetropole sagt er,
was gesagt werden musste, manchmal äußert er
Anstößiges, verdammt jedoch
den Krieg in den Versen
über der Atriden
Schicksal.

 

[1] Sigfrid Hoefert: Unterwegs. Gedichte und Versfragmente. Münster: agenda-Verl., 2013 (Kleine Reihe Literatur 7). – 65 S. – ISBN 978-3-89688-499-2
Verlagsinformationen (mit Inhaltsverzeichnis und Leseprobe)

[2] Sigfrid Hoefert: Auf Wegen und Umwegen. Gedichte und Versfragmente. Münster: agenda-Verl., 2014 (Kleine Reihe Literatur 14). – 66 S. – ISBN 978-3-89688-523-2
Verlagsinformationen (mit Inhaltsverzeichnis und Leseprobe)

Capri in Leben und Werk Gerhart Hauptmann

„Er wollte nach Griechenland und kam doch nur bis Capri – so könnte man Anspruch und Wirklichkeit des großen Reiseprojekts charakterisieren, zu dem Gerhart Hauptmann im April 1883 von Hamburg auf dem Seeweg aufbrach.“[1]

Mit diesen Worten beginnt Peter Sprengels Einleitung „Capri-Reprisen“ zum neuesten Band des Jahrbuchs ‚Carl und Gerhart Hauptmann‘, von dem nun der 8. Band vorliegt, ein Themenband, der Editionen und Studien unter dem Titel „Capri in Leben und Werk Gerhart Hauptmanns“ bietet. Das Thema ist überraschend ergiebig und hat außer mit Tagebüchern und Briefen (dokumentiert wird u.a. das Reisetagebuch von 1883) auch reichlich Spuren im Werk hinterlassen. Im Band findet man die erste Fassung des Versepos ‚Die blaue Blume‘, die erste Fassung des Capri-Abschnitts aus dem ‚Abenteuer meiner Jugend‘ sowie erste Fassung und zwei Schlußvarianten des ‚Meerwunders‘. Ergänzt werden die über 200 Seiten Edition und Dokumentation durch vier Studien von Peter Sprengel (darunter ein Originalbeitrag „Schwankungen auf dem Weg zum Meerwunder. Zur Erstfassung von Hauptmanns Novelle und ihren Schluss-Varianten“, S. 301-314) und den Aufsatz „Zusammenstoß der Welten. Offenbarung, Religion und Phantastik in Gerhart Hauptmanns Das Meerwunder von Tim Lörke (S. 315-327).

Das Jahrbuch ist weiterhin nur in wenigen deutschen Bibliotheken verfügbar (s. Zeitschriftendatenbank) und über den Sortimentsbuchhandel nicht oder nur schwierig zu beziehen (übrigens auch nicht über die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft, obwohl es gelegentlich Anfragen danach gibt). Der Vertrieb erfolgt laut Impressum durch:

Państwowa Wyższa Szkoła Zawodowa we Włocławku / Staatliche Fachhochschule Włocławk
Wydawnictwo Naukowe PWSZ we Włocławku
Wissenschaftlicher Verlag der Staatlichen Fachhochschule in Włocławek
PL 87-800 Włocławek, ul. Mechaników 3
Fax: ++48 54 3214352
E-Mail: rektorat@pwsz.wloclawek.pl

[1] Peter Sprengel: Capri in Leben und Werk Gerhart Hauptmanns. Editionen und Studien. Mit Beitr. von Tim Lörke und Edith Wack (Carl und Gerhart Hauptmann – Jahrbuch 8). Włocławek 2014. – 344 S., Zitat S. 7

Ein Leben für den Nachlaß Gerhart Hauptmanns Zum Tod von Rudolf Ziesche (1930–2013)

Ende August diesen Jahres verstarb Rudolf Ziesche, dessen Person untrennbar verbunden ist mit der Erschließung von Gerhart Hauptmanns Manuskriptnachlaß. Die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., Berlin, trauert um ihr Ehrenmitglied.

Die Stationen seines äußeren Lebens sind schnell aufgezählt: Er wurde geboren in Halle an der Saale, wo er aufwuchs und ein Studium der evangelischen Theologie absolvierte. Danach suchte er nicht den Weg in den kirchlichen Dienst, sondern fand über ein Projekt zur Erschließung historischer Quellen schließlich seine berufliche Heimat als wissenschaftlicher Angestellter in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Dort wurde ihm im Oktober 1969 die Aufgabe der Erschließung des Hauptmann-Nachlasses übertragen, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz 1968 für die damals immense Summe von 3,8 Millionen D-Mark erworben hatte, und zwar einschließlich der gegen den Willen der Erben in Ost-Berlin und auf Hiddensee zurückgehaltenen Teile des Nachlasses. Allerdings waren erst nach der deutschen Wiedervereinigung die Voraussetzungen dafür gegeben, auch den Hauptmann-Nachlaß zu vereinigen. Rudolf Ziesche engagierte sich für diese Zusammenführung besonders, weil er sich bei der Erschließung des Nachlasses stets mit den absurden Folgen der deutschen Teilung konfrontiert sah, vielleicht aber auch, weil seine eigene Biographie durch Mauerbau und Kalten Krieg mitbestimmt worden war.

Die Erschließung des Nachlasses war eine gigantische Aufgabe, denn allein der Manuskriptnachlaß umfaßt über 100.000 beschriebene Seiten. Rudolf Ziesche erkannte die Notwendigkeit einer von Anfang an inhaltlich tiefen Erschließung, und so entwickelte sich das Unterfangen zu einer Lebensaufgabe. Beständig bemüht, die Erschließungsarbeiten zu professionalisieren, hatte er für einen Geisteswissenschaftler seines Jahrgangs sehr früh die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung auch für die Nachlaßkatalogisierung erkannt. Heute kann man nur staunen, welche Schwierigkeiten er überwinden mußte, um seine Vision in die berufliche Praxis einer großen Behörde umzusetzen. Da in der Bibliothek an geeignete Ausstattung nicht zu denken war, setzte er seit 1985 mit Erlaubnis seines Vorgesetzten zunächst einen privat beschafften Computer ein. Der Personalrat aber befürchtete, daß sich hier jemand ›eine Karriere erschleichen‹ könne – und die Folge war ein vierjähriges Verwaltungsgerichtsverfahren bis zur höchsten Instanz. Der abschließende Beschluß des Bundesverwaltungsgerichts beschreibt den Konflikt wie folgt:

Der wissenschaftliche Angestellte Z. benutzt mit Erlaubnis der Verwaltung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in der dortigen Handschriftenabteilung für die Hilfsarbeiten, z.B. das Anlegen, Sortieren und Führen verschiedener Karteien und Kataloge, einen ihm gehörenden privaten Kleincomputer. Der Antragsteller, der Personalrat der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, beanstandete mit Schreiben vom 22. November 1985 an den Beteiligten, den Generaldirektor der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, daß er über den Einsatz dieses Computers nicht unterrichtet und auch nicht um Zustimmung gebeten worden sei. Er forderte den Beteiligten auf, zu veranlassen, daß sofort die Arbeit an dem Gerät eingestellt werde. Der Beteiligte wies die Beanstandung mit dem Hinweis zurück, Beteiligungsrechte des Antragstellers seien nicht berührt. Es bestehe kein Anlaß, dieser Privatinitiative entgegenzutreten und dem Mitarbeiter die Benutzung des Geräts zu verbieten. (BVerwG, 6. Senat, Beschluß vom 12.10.1989, Aktenzeichen: 6 P 9/88)

Wenn Rudolf Ziesche Jahre später davon erzählte, konnte er über die Angelegenheit nur lächeln, da die Entwicklung in den Bibliotheken zwischenzeitlich seinen damaligen Vorstoß längst überholt hatte. Man spürte aber trotzdem noch, wie ihn die Unterstellung der unzutreffenden Motivation getroffen hatte, denn Karriere zu machen, war ihm nicht wichtig. Ihm ging es viel mehr um die Sache, und wenn er von seiner Sache überzeugt war, vertrat er sie auch gegenüber Vorgesetzten mit großem Engagement, selbst wenn die Konsequenzen unbequemen Aufwand nach sich zogen. In der Folge erklärten ihn manche Vorgesetzte und Kollegen für ›schwierig‹. Man konnte aber durchaus den Eindruck gewinnen, daß er das eher als Auszeichnung empfand, auch wenn er es, diskret wie er stets war, wohl nicht so deutlich formuliert hätte.

Die Bedeutung seiner Arbeit für die Hauptmann-Forschung kann nicht hoch genug geschätzt werden. Seit er mit der Erschließung des Nachlasses begonnen hatte, fand man in philologischen Arbeiten über Hauptmann regelmäßig den Dank an Rudolf Ziesche. Bis zur Fertigstellung des Katalogs einschließlich Register (der dritte Band und der Registerband erschienen 2000) war man auf seine Hinweise angewiesen. Die bekam man zunächst in Telefonaten aus dem Handschriftenlesesaal oder, wenn der Erstkontakt hergestellt war, auch bei einem Besuch in seinem Büro ein Stockwerk tiefer. Und hatte man einmal sein Vertrauen erworben, gab er nicht nur formale Auskunft aus den während der Katalogisierung in einer Datenbank gepflegten Registern, sondern meldete sich gelegentlich auch von selbst, wenn er auf etwas gestoßen war, von dem er wußte, daß es in den Kontext entstehender Arbeiten passen könnte. Da die Benutzung des Nachlasses, auch der noch nicht katalogisierten Konvolute, von Anfang an möglich war, kam es immer wieder vor, daß man etwas bestellte, was gerade bei Rudolf Ziesche im Büro lag: zur Katalogisierung oder für Recherchen bei der Katalogisierung anderer Manuskripte. Denn Ziesche katalogisierte nicht nur formal, sondern erschloß die Manuskripte mit beträchtlicher inhaltlicher Tiefe und Verknüpfung zu anderen Teilen des Nachlasses wie Briefe und Bibliothek. Sein Katalog des Manuskriptnachlasses ist nicht weniger als die Vorstufe einer historisch-kritischen Hauptmann-Ausgabe, und er ist um so wichtiger, als es diese Ausgabe kaum jemals geben wird, weil die Menge des Materials mit den traditionellen Mitteln der Textkritik nicht mit vertretbarem Aufwand zu bewältigen ist.

So unentbehrlich der Katalog zum Manuskriptnachlaß für den Hauptmann-Forscher ist, so bescheiden schätzte Rudolf Ziesche seinen persönlichen Anteil an der Hauptmann-Philologie ein. In einem Brief schrieb er 2003 einmal: »Mit der Öffnung des Nachlasses sind ja zunächst – archäologisch gesprochen – Oberflächenbefunde gesammelt, betrachtet und publiziert worden. Ich war immer der Meinung, man müsse zum Verständnis von Hauptmanns Verhältnis zur Gesellschaft und zur Politik tiefere Schichten aufschließen […].« Das war zum einen die für seine Bescheidenheit charakteristische Einordnung des Katalogs auf eine zwar hilfreiche und notwendige, aber eben doch nur Vorarbeit für die Interpretation von Hauptmanns Werk und der Funktion seiner Persönlichkeit für das literarische Leben in Deutschland; zum anderen kritisierte er damit zugleich frühe Veröffentlichungen aufgrund des Nachlasses, die ebenfalls an der Oberfläche geblieben waren und, anders als seine Manuskriptbeschreibungen, dies nicht hätten tun dürfen.

Bemerkenswert war nicht nur Rudolf Ziesches Gründlichkeit bei der Nachlaßerschließung und seine Beharrlichkeit, zeitgemäße technische Mittel einzusetzen, sondern auch seine Integrität. Da er seine berufliche Tätigkeit nicht mit privaten Interessen in Konflikt bringen wollte, stimmte er erst nach Eintritt in den Ruhestand dem Vorschlag der Mitgliederversammlung zu, ihn als Ehrenmitglied in die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., Berlin, aufzunehmen. Zurückhaltend und diskret blieb er auch als Ehrenmitglied. Seine Nachfragen und Hinweise zeigten aber, daß er aufmerksam verfolgte, was an Rundschreiben, Literaturhinweisen und Veröffentlichungen an die Mitglieder gelangte. Der Weg von Berlin nach Erkner zur jährlichen Mitgliederversammlung war ihm zuletzt aus gesundheitlichen Gründen meist zu beschwerlich. Überdies hatte der frühe Tod seiner Frau Eva Ziesche (1939–2005) seine Lebensfreude mehr als gedämpft, denn dadurch fand eine jahrzehntelange private, aber auch berufliche Symbiose ein abruptes Ende: Eva Ziesche war wie ihr Mann Mitarbeiterin der Handschriftenabteilung in der Staatsbibliothek; seit 1966 hatte sie mehr als 50 Nachlaßverzeichnisse erarbeitet, darunter den Katalog von Hegels handschriftlichem Nachlaß, für den ihr der Akademiepreis der Bayerischen Akademie der Wissenschaften verliehen wurde.

Als im November 2012 der Festakt zum 150. Geburtstag Gerhart Hauptmanns in der Staatsbibliothek stattfand, wenige hundert Meter von Rudolf Ziesches Wohnung entfernt, war er wieder unter den Gästen und durfte die späte, nun auch in der Staatsbibliothek öffentlich geäußerte Anerkennung in Grußworten und Festvortrag wahrnehmen.

Die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft wird ihm ein ehrendes Angedenken bewahren.

Neue Lieferung der Literaturhinweise online

Die erste Lieferung für 2013 der Hinweise auf neue Hauptmann-Literatur (mit älteren Ergänzungen) ist online bereits verfügbar und wird mit den nächsten „Mitteilungen“ des 1. Vorsitzenden an die Mitglieder verschickt.

War bei der zweiten Lieferung für 2012 noch eine für das Hauptmann-Jubiläumsjahr erstaunlich geringe Anzahl verzeichneter Titel zu verzeichnen (auch wenn mit mit dem zweiten Nachtragsband zu Sigfrid Hoeferts »Internationaler Bibliographie zum Werk Gerhart Hauptmanns« und mit der großen Hauptmann-Biographie von Peter Sprengel zwei besonders gewichtige Werke enthalten waren), ist diesmal ein höherer Anteil von journalistischen Beiträgen dabei, die um den eigentlichen Jubiläums-Geburtstags-Termin herum erschienen.