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»Dick Laurent ist tot.«

Mit dem über eine Türsprechanlage vermittelten Satz »Dick Laurent ist tot« beginnt und endet David Lynchs großartiger Film Lost Highway, wenn man von David Bowies I’m deranged als Titelsong einmal absieht, der den Film mit Vorspann und Abspann umrahmt.

Wenn die Aussage, jemand sei tot, korrekt ist, wird sie es immer bleiben. Daher irritiert es mich immer wieder, wenn in den Rundfunknachrichten und Presse berichtet wird, jemand sei tot, obwohl zu diesem Zeitpunkt präziser wäre zu sagen, jemand sei gestorben. Zumindest für mein Sprachgefühl wird – bei Verwendung des Perfekts – durch diese Formulierung die zeitliche Dimension der Aussage deutlicher. Als Robert Gernhardt sein formvollendetes Sonett Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs im ZEITmagazin veröffentlichte, das mit dem Vers »Sonette find ich sowas von beschissen« beginnt,1 hagelte es erboste Leserbriefe. Eine der Beschwerden stammte von »Walter Hedinger vom Hamburger Hafen« und »ragte in Ton und Inhalt über das Normalmaß hinaus«, wie Gernhardt in den Erläuterungen zur Sammlung Gedichte 1954–1997 bemerkt: »Goethe ist tot! Schiller ist tot! Klopstock ist tot! Robert Gernhardt lebt! Wozu?«2 Klopstock starb 1803, Schiller 1805, Goethe 1832 – Gernhardts Sonett wurde erstmals 1979 gedruckt. Schiller hätte noch den Tod Klopstocks formulieren können, sowohl »Klopstock ist gestorben« als auch »Klopstock ist tot«, Goethe hätte eine entsprechende Aussage über Schiller und Klopstock treffen können, während Klopstock sich der Falschaussage schuldig gemacht hätte, wenn er das eine oder das andere über Goethe oder Schiller gesagt hätte. Und die Aussage des Leserbriefs, die seit dem 22. März 1832 korrekt gewesen wäre, war es 1979, ist es noch heute und wird es immer sein. Sehen Sie nun, worauf ich hinauswill?

So wie die Rundfunknachrichten Todesmeldungen heutzutage meistens formulieren, könnte Walter Hedingers Satz jederzeit in diese Nachrichten aufgenommen werden. Er könnte auch durch zahlreiche Namen ergänzt werden, die Liste wird täglich länger und dürfte schon längst das Zeitfenster von fünf Minuten für die Nachrichten sprengen. Diesen Sachverhalt hat Conrad Ferdinand Meyer in seinem Gedicht Chor der Toten sehr treffend in Verse gefaßt, beginnend mit »Wir Toten, wir Toten sind größere Heere / Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!« und endend mit »Drum ehret und opfert! Denn unser sind viele!«.3

Man könnte einen eigenen Nachrichtenkanal einrichten für die Verlesung der Namen aller jemals Gestorbenen und zukünftig immer Toten. Oder auch, wie man in 140-Zeichen-Twitterhäppchen schon ganze Werke der Weltliteratur über Twitter verbreitet hat (beispielsweise die Bibel: http://twitter.com/#!/bibelrekord), wäre ein Twitteraccount »Chor der Toten« vorstellbar.

Tatsächlich gibt es natürlich einen Grund für die unschöne Formulierung von Todesmeldungen vor allem im Rundfunk. Der Aussage »A ist tot« folgt meistens ein weiterer Satz der Art »Der/Die (Berufsbezeichung oder sonstige Charakterisierung) starb (Zeitangabe) (Ortsangabe) (Todesursache)«, wobei einige Angaben fakultativ sind. Bei aller Standardisierung und Einförmigkeit der Formulierungen gilt es weiterhin, ein Minimum an sprachlicher Vielfalt beizubehalten, um seit der Schulzeit als häßlich geltende Wortwiederholungen zu vermeiden. Was dabei übersehen wird: Auch die Standardisierung der sprachlichen Vielfalt wirkt auf die Dauer schnell und dauerhaft einförmig.

Für bewußtes Zuhören eignen sich daher besonders die Nachrichten des Rundfunks nicht. Sie sind in ihren syntaktischen und semantischen Strukturen optimiert für unterbewußte Wahrnehmung; im Idealfall hört man Nachrichten, ohne sie ins Bewußtsein vordringen zu lassen, um dem Gehirn gleichzeitig die volle Konzentration auf wichtigere und mehr Aufmerksamkeit erfordernde Dinge zu ermöglichen – wie Essen, Zähneputzen, Bügeln, Autofahren und dergleichen mehr.

Ich erinnere mich, daß in den späten 1980er Jahren der Norddeutsche Rundfunk eine Programmreform durchgeführt hat, die auch zu einer neuen Form der Nachrichtensprache geführt hat. Fortan begann jede Meldung mit einer Ortsangabe, die sozusagen als Einwort-Satz vorangestellt wurde. Die Nachrichten selbst hingegen fingen an mit der Ansage der Uhrzeit, und die routiniert-schlampig heruntergerasselte Kombination von beidem erweckte oft den Eindruck, die Ortsangabe sei ein Teil der Uhrzeit. Auch so läßt sich die Einheit von Ort und Zeit verwirklichen, die Aristoteles für die Tragödie gefordert hatte. Daß dies einst auf die Tragödie der Rundfunknachrichten übertragen werden könne, hätte er sich damals kaum träumen lassen.

Als dann Anfang der 1990er Jahre (gefühlt) alle Sender diesen Sprachgebrauch eingeführt hatten und die Nachrichten nicht mehr zur vollen Stunde, sondern meistens um »x Uhr Sarajevo« begannen, zur formalen Einförmigkeit also noch die inhaltliche Eintönigkeit hinzu kam, habe ich dann begonnen, mit dem Nachrichtenhören aufzuhören. Dabei ist es geblieben: Ich bezahle weiterhin brav meine Rundfunkgebühren, das Radio bleibt trotzdem aus. Abmelden darf ich es allerdings nicht, da mein internetfähiger Computer zum neuartigen Rundfunkempfangsgerät promoviert wurde. Aber das ist ein anderes Thema, denn das World Wide Web hat feste Programmschemata schon längst ad absurdum geführt, und hoffentlich werden wir dereinst in den Rundfunknachrichten – kurz vor ihrer endgültigen Abschaltung – zu hören bekommen: »Der Rundfunk ist tot. Er starb nach weltweit langjährigem Siechtum, weil es ihm, wie auch einst den Dinosauriern, nicht gelang, sich den veränderten Umweltbedingungen anzupassen.« Aber schon der zweite Satz ist aufgrund seiner Länge, mit Nebensatz und Einschub, wahrscheinlich zu kompliziert für die gesprochenen Nachrichten.

1 Zit. nach Robert Gernhardt: Gedichte. 1954–1997. Verm. Neuausg. Frankfurt/M. 2000, S. 116.

2 Ebd., S. 677.

3 Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke. Ed. by Hans Schmeer (Knaur Klassiker). München 1952, p. 938. Auch vielfach online zu finden, z. B. http://www.zeno.org/nid/20005377250 (Abruf 2011-06-05).

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