Sonderausstellung des Schlesischen Museums zu Görlitz zum Hauptmann-Jahr 2012

Zum aktuellen Jubiläumsjahr – am 15. November 2012 jährt sich der Geburtstag Gerhart Hauptmanns zum 150. Mal, und vor 100 Jahren erhielt er den Nobelpreis für Literatur – wird im Schlesischen Museum zu Görlitz am 11. Mai eine Sonderausstellung »Poetische Orte. Bilder und Texte von Ivo und Gerhart Hauptmann« eröffnet. Die Ausstellung wird bis zum 17. Februar 2013 gezeigt und von einem laut Ankündigung reich bebilderten Katalog begleitet.

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Neue Lieferung der Literaturhinweise online

Die erste Lieferung für 2012 der Hinweise auf neue Hauptmann-Literatur (mit älteren Ergänzungen) ist online bereits verfügbar und wird mit den nächsten „Mitteilungen“ des 1. Vorsitzenden an die Mitglieder verschickt.

Die Gliederung ist seit der Lieferung 2010-2 etwas verändert, schon in Vorbereitung auf eine entstehende Kumulation: Rezensionen werden jetzt beim rezensierten Werk aufgeführt, ggf. wird das rezensierte Werk für die Anzeige weiterer Rezensionen wiederholt aufgeführt. Überwiegend Gerhart Hauptmann gewidmete Sammelbänden erscheinen nun unter den selbständigen Publikationen, die enthaltenen Beiträge folgen als untergeordnete Liste.

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Tanzverbot 1918 und heute

Als jemand, der nicht tanzt (es weder kann noch will), hat mich das Tanzverbot nie besonders berührt. Tatsächlich kannte ich es nur aus meiner Arbeit an der Tucholsky-Gesamtausgabe, da Tucholsky (unter seinem Pseudonym Theobald Tiger) am 3.10.1918 in der ‚Weltbühne‘ ein Gedicht „Tanzverbot“ publiziert hatte – anläßlich der Diskussion um das bereits kurz nach Kriegsausbruch verhängte, im Kriegsverlauf zunehmend verschärfte und mit Polizeiplakaten „Tanzen verboten“ auch öffentlich sichtbare umfassende Tanzverbot, unter dessen wirtschaftlichen Folgen Tanzlehrer und Saalbesitzer zu leiden hatten. Im September 1918 fand in Berlin eine Hauptversammlung der Delegierten des Bundes der Saal- und Konzertlokalinhaber Deutschlands statt, bei der auch das Tanzverbot thematisiert wurde (vgl. ‹Tagung der deutschen Saalbesitzer in Berlin›, in: Berliner Tageblatt, 18.9.1918, Abend-Ausg., ‹Das Tanzverbot›, in: Berliner Tageblatt, 19.9.1918, Morgen-Ausg. und ‹Die Tanzerlaubnisfrage›, in: Berliner Tageblatt, 20.9.1918, Morgen-Ausg.) Schon am 14.9.1918 hatte das Berliner Tageblatt in der Abendausgabe auch einen Artikel ‹Das Tanzverbot› gebracht.

Daß es ein Tanzverbot auch in Deutschland immer noch gibt, und zwar vorzugsweise an christlichen Feiertagen, geregelt im jeweiligen Recht der Länder, entnehme ich erst einem lesenswerten Artikel über den Anachronismus des Tanzverbots in der FAZ, von einer Gegnerin des Tanzverbots, die auch gute Gründe dafür anführt und darüber hinaus indirekt den Anachronismus der christlichen Feiertage entlarvt: „Unbestreitbar nimmt ein großer Teil der Bevölkerung die Feiertage nicht mehr primär als christliche Andachtstage, sondern eher als arbeitsfreie Zeit wahr.“ (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/tanzverbot-wann-wir-tanzen-ist-doch-unsere-sache-11709472.html) Natürlich gibt es zum Thema auch einen Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Tanzverbot. Der war mir allerdings auch neu, denn während meiner Arbeit am Kommentar der Tucholsky-Texte 1914-1918 gab es die Wikipedia noch nicht (bzw. sie entstand während der letzten Phase der Arbeit und hatte dafür noch keine Relevanz).

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Schlesien versus Sparta

„Schlesien versus Sparta. Gerhart Hauptmanns Besinnung auf schlesische Identität im Verhältnis zur Rassenideologie“ lautet der Titel meines – leider immer noch nicht fertigen – Vortrags am 2.3. bei der Tagung „Das deutsche Kulturerbe in Schlesien“ im Themenblock „Gerhart Hauptmann und seine Zeit“. Inzwischen ist die Tagung auch angekündigt: http://staatsbibliothek-berlin.de/nc/die-staatsbibliothek/ausstellungen-und-veranstaltungen/detail/article/2012-01-03-5551/. Weil es mir zu langweilig gewesen wäre, einen weiteren Vortrag mit Aufzählung von biographischen Fakten und autobiographischen Fiktionen (die gern als Fakten genommen werden), schlesischen Orten und Motiven etc. in Hauptmanns Werk zu schreiben, habe ich ein Thema gewählt, in dem es nur am Rande um Schlesien geht.

Dies ungefähr ist der Fahrplan für den Vortrag, von dem etwa die Hälfte fertig ist:

Mehrfach setzt Gerhart Hauptmann zwischen 1906 und 1942 Schlesien und Sparta in Beziehung. Im Reisetagebuch seiner Griechenlandreise erinnert ihn die Landschaft Spartas an die schlesische Landwirtschaftsidylle und eine Liebschaft während seiner Ausbildung in Lederose. Der veröffentlichte Reisebericht ‚Griechischer Frühling‘ bezieht die Bevölkerungspolitik Spartas nach den Lykurgischen Gesetzen ein, die der deutschen Eugenik (von Hauptmanns Freund Alfred Ploetz 1895 als „Rassenhygiene“ inauguriert) als vorbildlich galten. Zu einer Entgegensetzung von Sparta und Schlesien, in deren Landschaften er weiterhin Gemeinsamkeiten sieht, kommt Hauptmann 1922 in einem Paralipomenon zum Fragment gebliebenen Roman ‚Der neue Chistophorus‘, wo der sein idealisiertes Selbstbild, den Bergpater, erklären läßt, spartanisches Freiheitsdrang werde in Schlesien nie heimisch sein. Vollends kritisch wird schließlich der Blick auf Sparta Ende der 1930er Jahre: Hauptmann begreift dann Schlesien als Land der Mischung und seine Familie als „Kolonisten“; es deutet sich in Tagebuchaufzeichnungen an, daß er Schlesien als Gegenmodell zu Sparta entwirft, dem (nach Ernst Baltrusch) „ersten totalitären Staat der Weltgeschichte“, in dem Kunst – für Hauptmann das Maß aller Dinge – gegenüber der einseitig auf körperliche Tauglichkeit des Nachwuchses und Reinheit der Rasse ausgerichteten keinen Platz hat. Die Analogien zwischen der Rassenpolitik im Dritten Reich und Sparta (auch in zeitgenössischen Berufungen auf Sparta) nahm er wahr und lehnte beides ab.

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Widrigkeiten des Publizierens

Zur Zeit wächst ja noch der Elsevier-Boykott. Für eines meiner Fächer, die neuere deutsche Literaturwissenschaft, spielt dieser Verlag keine große Rolle. Da mich kaum jemand um Gutachten oder Mitwirkung in einem Herausgebergremium einer Zeitschrift von Elsevier fragen würde, habe ich die Boykotterklärung nicht unterzeichnet – das käme mir vor wie Größenwahn.

Doch Gründe für – wenn nicht Boykott, so doch – Zurückhaltung gibt es auch an anderen Baustellen. Unprofessionell arbeitende Redaktionen, die z.B. ohne Fahnenkorrektur drucken (mit teils katastrophalen Folgen, wenn etwa nicht die eingereichte Datei verwendet, sondern der ebenfalls gewünschte Ausdruck eingescannt und per OCR weiterverarbeitet wurde) oder wo man auf Nachfrage nach dem Schicksal eines bereits angenommenen Aufsatzes belehrt wird, ein Jahrbuch erscheine, wie der Name besage, einmal im Jahr, und dergleichen mehr können durchaus bei weniger gigantischen Verlagen als der Reed-Elsevier-Gruppe oder im Bereich der grauen Literatur für weitere graue Haare sorgen. Grausig war etwa neulich die Reaktion auf einen Vorschlag für einen Beitrag zu einem Sammelband, zu dem ein Call for Papers aufgerufen hatte: Da ich schon einen weitgehend fertigen und sehr gut passenden Beitrag anbieten konnte, erdreistete ich mich, den Beitrag statt eines Exposés mitzuschicken. Antwort: Die Entscheidung werde nur auf Grundlage eines Exposés getroffe, ich möge doch bitte eines nachreichen. Ja hallo: Wer will denn da etwas von wem? Da habe ich natürlich postwendend meinen Vorschlag zurückgezogen – und mir den Verlag, in dem der Sammelband erscheinen soll, einmal genauer angesehen. Eine professionell aussehende Webseite mit zahlreichen inhaltlichen Rubriken hat er schon, aber Verlagsprogramm, selbst Ankündigung von Neuerscheinungen fehlten. Alles nur leere Hülle. Offenbar befindet sich hier ein neuer Dissertationsverlag in Gründung, der mit einigen über Call for Papers zusammengesammelten Sammelbänden zusätzliches Profil gewinnen wollte. Mitherausgeber der beiden Bände, zu denen bislang mindestens aufgerufen wurde, ist – der Geschäftsführer des Verlags.

Kaum weniger erfreulich sind Zeitschriften, für die der Herausgeber händeringend Beiträge sucht (von Wettbewerb und Auslese keine Spur), aber nur am Druck (und eventuell dem zugrundeliegenden Druckkostenzuschuß) interessiert ist, nicht jedoch an der Verbreitung. In einem solchen Fall habe ich Ende des vergangenen Jahres eine Anfrage wie folgt beantwortet (hier anonymisiert):

„Sehr geehrter Herr […],

vielen Dank für Ihre Anfrage, deren Inhalt mich über Herrn […] auch schon erreicht hatte. Ich kann Ihnen leider nichts anbieten, da ich zur Zeit nichts Veröffentlichungsreifes habe und bis Mitte April auch nichts fertig werden wird. Aber auch sonst fällt es mir als Autor schwer, etwas für […] zu schreiben, da man es in Deutschland nur schwierig beziehen kann (und insbesondere ein Abonnementmodell für Mitglieder der […] nicht möglich war); in deutschen Bibliotheken ist […] kaum verfügbar, und als Autor möchte man ja auch gelesen werden können, nicht nur gedruckt werden. Eine Kooperation mit einem deutschen Verlag würde vielleicht gewährleisten, dass […] auch im deutschen Buchhandel zu bekommen wäre. Verzeihen Sie das offene Wort, das nur helfen soll, meine Zurückhaltung zu verstehen.“

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›Vor Sonnenaufgang‹ in der Schule

Aus dem umfangreichen Werk Gerhart Hauptmanns wird im Deutschunterricht fast nur noch eines der Dramen Der Biberpelz, Die Ratten oder Die Weber behandelt, sowie die Novelle Bahnwärter Thiel. Auf diese Werke sind die bekannten Verlage eingestellt, die kommentierte Ausgaben und Lektürehilfen anbieten, und selbst innerhalb dieses ›Hauptmann-Kanons‹ gibt es ein starkes Gefälle zugunsten des Bahnwärter Thiel, der es mit 3,7 Millionen verkauften Exemplaren immerhin unter die Top Ten seit 1948 in Reclams Universal-Bibliothek gebracht hat (auf Platz 6, noch vor Theodor Storms Schimmelreiter)[1] .

Seit Oktober 2010 erreichten die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft  e.V. nun mehrfach Anfragen, aus denen hervorging, daß in Baden-Württemberg Vor Sonnenaufgang für einige Jahre als Pflichtlektüre vorgesehen sei.[2] Drängendstes Problem schienen die Dialektpassagen zu sein, die den Schülern Schwierigkeiten bereiten würden, zumal auch Lehrer mit dem schlesischen Dialekt nicht vertraut seien. Ob es eine Übersetzung oder Hilfen gebe, war denn auch die häufigste Frage.

Die Frage nach der Existenz einer (hochdeutschen) Übersetzung läßt sich leicht beantworten: es gibt keine, wahrscheinlich auch keinen Markt dafür, zumal die Werke Gerhart Hauptmanns bis zum 1. Januar 2017 noch urheberrechtlich geschützt sein werden. Unter dieser Bedingung stünde einer Übersetzung oder kommentierten Ausgabe neben der inhaltlich zu leistenden Arbeit noch die Klärung der Lizenz (und der damit verbundenen Kosten) im Wege.

An dieser Stelle dokumentiere ich – als Hilfe zur Selbsthilfe – die Hinweise, die ich in verschiedenen Antworten gegeben habe.

Zunächst ist festzustellen, daß der größte Teil von Vor Sonnenaufgang gar nicht im Dialekt geschrieben ist. Wenn die Schüler das erst einmal bemerkt haben (oder man es ihnen gesagt hat), ist die Hürde wahrscheinlich schon etwas geringer. Nach Auskunft von Dr. Klaus Hildebrandt, dem 1. Vorsitzenden der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., hat Hauptmann in den Dialektpassagen des Dramas die gebirgsschlesische Mundart »so gut wiedergegeben, wie es bei Dialekt überhaupt möglich ist«; »als Schlesier, der am Rande des gebirgsschlesischen Dialektgebietes seine Kindheit verbrachte«, könne er das »einigermaßen beurteilen«.

Beim Verstehen des Dialekts gibt es, vereinfacht gesagt, zwei Hürden, deren Unterscheidung helfen könnte: die Lautung und der Wortschatz. Für den schlesischen Wortschatz kommt man um eine Dialektwörterbuch nicht herum; das umfassendste zum Schlesischen dürfte das von Mitzka sein:

Dieses Wörterbuch sollte in besser ausgestatteten Universitätsbibliotheken oder Regionalbibliotheken verfügbar sein. Für den größten Teil der Dialektpassagen hilft es allerdings, einige Regeln zu entwickeln, die das Verstehen erleichtern könnten. Zentrale Rolle (wie oft in Dialekten) spielen die Vokale, z.B. ei -> oa (»kein« -> »koan«), allerdings kann auch a als oa auftauchen (»Arme« -> »Oarme«) oder oo als a (»hat« -> »hoot«). Das e kann zu a werden (»betteln« -> »batteln«), das u und ü zu e (»zurecht« -> »zerecht«, »für« -> »fer«), das a zu u (»ja« -> »ju«), das ö zu e (»Löcher« -> »Lecher«), das o zu u und/oder e (»Doktor« -> »Dukter«) und so weiter. Dann gibt es Verschleifungen (oder wie man das nennt): »geben« -> »gahn«, »nichts« -> »nischt«, ferner das auch im Süddeutschen häufige »wir« -> »mir« (oder »mer«). Das alles aufzuzählen, hat jetzt wenig Sinn, entscheidend ist, daß sich mit wenigen Regeln die Anzahl schwieriger Stellen schnell reduzieren läßt.[3]

Manchmal muß man auch einfach wissen, d.h. aus dem Kontext erschließen, was gesagt wird, um es dann im Text wiederzuerkennen (ähnlich wie oft beim Lesen von Handschriften); helfen kann auch, den Text laut zu sprechen. Im übrigen gebe ich gern zu, daß ich keineswegs alles Wort für Wort verstehe, trotz mehrfacher Lektüre; ich habe es trotzdem gewagt, ein gut dreißigseitiges Kapitel zu Vor Sonnenaufgang in meiner Dissertation zu schreiben (Kurzbeschreibung und Inhaltsverzeichnis: http://www.tempelb.de/wp-content/uploads/2011/05/alkohol_und_eugenik_info.pdf). Selbst dies ließe sich aber positiv wenden und den Schülern als Lerneffekt verkaufen: daß man keineswegs jedes Detail verstanden haben muß, um einem Drama folgen zu können.

Es wäre übrigens interessant, einmal zu vergleichen, welche Passagen für das inhaltliche Verständnis und welche für die Charakterisierung von Personen (Stand, Bildung) durch Dialekt und Hochdeutsch wichtig sind; mein Eindruck: die Dialektpassagen sind für das inhaltliche Verständnis gar nicht so entscheidend.

Schließlich einige Literaturhinweise:

Inzwischen gibt es wenigstens ein Buch zur Behandlung von Vor Sonnenaufgang in der Oberstufe:

Annegret Kreutz/Johannes Diekhans (Hgg.): Gerhart Hauptmann, Vor Sonnenaufgang (EinFach Deutsch: Unterrichtsmodell). Paderborn 2009

Laut Inhaltsverzeichnis (http://files.schulbuchzentrum-online.de/onlineanhaenge/files/978-3-14-022445-1_inhalt.pdf [Abruf 2012-02-05]) gibt es einen Abschnitt »3.3 Regieanmerkungen und Sprache« sowie Zusatzmaterial zur Sprache des Naturalismus. Da ich das Buch noch nicht in der Hand hatte, weiß ich nicht, ob dort auf die Problematik des Dialekts eingegangen wird.

Die folgenden drei Aufsätze habe ich als hilfreich für das Verständnis von Vor Sonnenaufgang in Erinnerung, sowohl für Einordnung in Werk und Zeit als auch im Hinblick auf thematische Interpretation:

  • Rüdiger Bernhardt: Sieg und Überwindung des Naturalismus. Gerhart Hauptmanns soziales Drama Vor Sonnenaufgang. In: Gerhard Rupp (Hg.): Klassiker der deutschen Literatur. Epochen-Signaturen von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Würzburg 1999, S. 117–160
  • Thomas Bleitner: Naturalismus und Diskursanalyse. ›Ein sprechendes Zeugnis sektiererischen Fanatismus‹ – Hauptmanns Vor Sonnenaufgang im Diskursfeld der ›Alkoholfrage‹. In: Ders./Joachim Gerdes/Nicole Selmer (Hgg.): Praxisorientierte Literaturtheorie. Annäherungen an Texte der Moderne. Bielefeld 1999, S. 133–156
  • Rolf Christian Zimmermann: Hauptmanns Vor Sonnenaufgang: Melodram einer Trinkerfamilie oder Tragödie menschlicher Blindheit? In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 69 (1995), S. 494–511

Für die Recherche nach weiterer Literatur zu Vor Sonnenaufgang eignet sich die internationale Hauptmann-Bibliographie:

Sigfrid Hoefert: Internationale Bibliographie zum Werk Gerhart Hauptmanns. 3 Bde (Veröffentlichungen der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft 3, 4 u. 12). Berlin 1986–2003

In dieser Bibliographie sind in Band I auch englische Übersetzungen von Vor Sonnenaufgang nachgewiesen. Es ist durchaus vorstellbar – und möglicherweise didaktisch interessant –, für die Übersetzung der im Dialekt gehaltenen Stellen den Umweg über eine englische Übersetzung zu nehmen. Ob das gelingt, hängt von den Englisch-Sprachkenntnissen ab (die im Zweifelsfall bei heutigen Lehrern und selbst Schülern besser als die Kenntnis des schlesischen Dialekts sein dürften), und von der Übersetzung – wenn diese die Dialektpassagen als solche überträgt (z.B. unter Einsatz von Slang oder Scots), verlagert sich das Verständnisproblem nur.

 

Fußnoten:

[1] Karl-Heinz Fallbacher (Hg.): Die Welt in Gelb. Zur Neugestaltung der Universal-Bibliothek 2012. Stuttgart 2012. URL: http://www.reclam.de/trck/data/media/Die_Welt_in_Gelb.pdf (Abruf 2012-02-05), S. 65.

[2] Daß Vor Sonnenaufgang seit dem Schuljahr 2011/12 Pflichtlektüre »in den Berufskollegs zum Erwerb der Fachhochschulreife und für die erste Klasse der Berufsoberschule (vergleichbar etwa mit der Klasse 12 an beruflichen Gymnasien)« ist, »im Berufskolleg zumindest bis 2014, in der Berufsoberschule wohl noch ein Jahr länger«, findet man nicht in den Lehrplänen, weil die Pflichtlektüre durch Erlaß des Kultusministerium festgelegt wird (freundliche Auskunft von Gerhard Schneider, Landesinstitut für Schulentwicklung, Stuttgart).

[3] Wer dies genauer studieren möchte, vgl. z.B. Karl Weinhold: Ueber deutsche Dialectforschung. Die Laut- und Wortbildung und die Formen der schlesischen Mundart. Mit Rücksicht auf verwantes in deutschen Dialecten. Ein Versuch. Wien 1853. URL: http://books.google.de/books?id=y3cRAAAAMAAJ (Abruf 2012-02-05).

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Föderalismus und falsch verstandener Wettbewerb

Welchen Schaden der Föderalismus und falsch verstandener Wettbewerb anrichten, kann man schön am Beispiel der Wanderungsbewegungen von Lehrern sehen. In der FAZ findet sich wieder einmal ein Artikel darüber: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/keine-angemessene-beschaeftigung-lehrer-auf-gepackten-koffern-11629178.html

Wann immer ich solche Berichte lese, freue ich mir ein Loch in den Bauch, nicht Lehrer geworden zu sein. Drei negative Erlebnisse haben dazu ihren Teil beigetragen:

1) Bei der Wahl der Prüfungsgebiete für das 1. Staatsexamen in Berlin begegnete mir die Borniertheit des Landesprüfungsamts gleich in doppelter Weise. Für das Fach Neuere deutsche Literatur hatte ich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts quasi ‚verbrannt‘, indem ich meine Examensarbeit über eine späte, 1946 posthum erschienene Erzählung Gerhart Hauptmanns schrieb. Bei der Anmeldung mußte eine Epochenzuordnung her, „Erzählliteratur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ oder so ähnlich lautete sie, ohne daß ich ahnte, welche Konsequenzen das für den Rest des Prüfungsverfahren haben würde. Unerfreulich war dann die Diskussion über die weiteren beiden Gebiete (für Klausur und mündliche Prüfung), wo ich gern „Goethe als Erzähler“ (das schloß die Romane ein) und „Tragödie und Tragödientheorie im frühen 20. Jahrhundert“ wählen wollte. Das Tragödienthema war der Referentin im Landesprüfungsamt zu eng! Wahrscheinlich hatte sie keine Vorstellung, daß man dazu die Tragödientheorie von Aristoteles bis Brecht, die Abzweige zum bürgerlichen Trauerspiel in der Aufklärung bis zu den Nachwirkungen bei Hebbel (‚Maria Magdalene‘) und Hauptmann (‚Rose Bernd‘) gewärtig haben mußte, um 1900 dann die Erneuerungsversuche bei Hofmannsthal und in der Neuklassik (u.a. Paul Ernst) zu verstehen. Bis zu Hans Henny Jahnn, von dem ich bis dahin noch nicht einmal etwas gelesen hatte, wollte ich damals gehen. Das Thema wäre der schiere Wahnsinn gewesen, weil es so umfassend war, und entsprechend irritiert war ich über die Begründung, es sei zu eng. Nachdem dann Goethe als Erzähler ohne Diskussion durchging (Goethe liebte man damals im Landesprüfungsamt, der ging immer), brauchte ich also etwas weiter gefaßtes als das Tragödienthema – und durfte „Lyrik der Wiener Moderne“ nehmen. Da fehlen mir noch heute, fast 15 Jahre später, die Worte. Damals endete das Gespräch mit meiner Bemerkung, ich behielte mir vor, noch den Studienabschluß von Lehramt zu Magister zu wechseln, so wütend war ich. Aber die Referentin setzte später noch einen drauf. Natürlich war ich beim Staatsexamen geblieben, schließlich war die Hausarbeit geschrieben, die Prüfung in Erziehungswissenschaft und Psychologie abgelegt und die in Mathematik stand bevor. Nach Abschluß der letzten Teilprüfung war die Referentin dann offenbar vom Notendurchschnitt beeindruckt und verabschiedete sich mit den Worten, Leute wie mich könne der Berliner Schuldienst gebrauchen.

2) In den Berliner Schuldienst zu gehen, daran dachte ich schon damals nicht mehr, schließlich wollte ich schon seit fast sieben Jahren so schnell wie möglich Berlin verlassen… Also bewarb ich mich in Hessen, damals noch nicht wissend, daß dieses Bundesland lieber ausgebildete Lehrer anderer Bundesländer einstellt als selbst welche auszubilden. Damit die Bewerbung überhaupt bearbeitet werden würde, sollte ich bereits Führungszeugnis und Gesundheitszeugnis einreichen. Und zwar auf eigene Kosten, die nur im Falle der Einstellung erstattet würden. Das Führungszeugnis beantragte (und bezahlte) ich noch, auf das Gesundheitszeugnis verzichtete ich dann nach etwas Nachdenken und zog meine Bewerbung zurück. Eine Sache des Prinzips, wie ich auch bis heute vermeiden konnte, mich irgendwo zu bewerben, wo ich gleich das Porto für die Rücksendung der Unterlagen (und womöglich Empfangsbestätigung) beilegen muß. Wer will schon in einer Einrichtung arbeiten, die sich nicht einmal das Porto für elementarste Aufgaben leisten kann?

3) Nach dem ich die Bewerbung in Hessen zurückgezogen hatte, bewarb mich noch in Niedersachsen, wo man vier Wunschorte angeben durfte. Das waren bei mir, weil ich der Meinung war, zum Atmen eine Universitätsstadt mit Universitätsbibliothek in Fahrradnähe zu brauchen, in dieser Reihenfolge: Göttingen, Hannover, Braunschweig, Hildesheim. Schon Braunschweig und Hildesheim wären keine schönen Kompromisse gewesen, tatsächlich wurde ich aber dem Studienseminar Salzgitter zugewiesen. Über die Gründe ist mir nichts bekannt, und ich freute mich, kurz danach die Zusage einer Projektförderung und eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu erhalten und das Referendariat noch einmal für mindestens zwei Jahre zurückstellen zu können.

Diese Zeit reichte dann, um einen schönen Beruf zu finden (der Schuldienst war plötzlich nur noch zweite Wahl), und über den Umweg eines Stipendiums schließlich nicht ein Lehramtsreferendariat, sondern das Bibliotheksreferendariat zu absolvieren. Berlin mußte ich dann erst verlassen, als ich gern dort geblieben wäre. Selbst das wäre möglich gewesen, aber da Bibliotheken u.a. Behörden sind, kommt es natürlich auch dort vor, daß es den Verwaltungen gelingt, Bewerber zu vergraulen. Und wer mobil ist und es nicht nötig hat, sich unter Wert zu verkaufen, stimmt eben mit den Füßen ab.

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Erinnerung an einen Film von Theo Angelopoulos

In einem Film aus der zweiten Hälfte der 1990er Jahre gibt es eine Szene, die man so schnell nicht vergißt, wenn man überhaupt so weit gekommen ist: Eine überlebensgroße Lenin-Statue aus Beton oder ähnlich stabilem Material wird zerlegt und mit einem Kran auf ein Schiff verladen. Anschließend wird über einen langen Zeitraum (gefühlte 20 Minuten) gezeigt, wie das Schiff die Donau herunter fährt. Wechselweise sieht der Zuschauer von oben das Schiff mit dem flachgelegten Lenin und das Ufer, wo sich teilweise Menschen versammeln, um das (für sie) vorbeifahrende Schiff zu betrachten. Untermalt wird die Szene durch die Musik der griechischen Komponistin Eleni Karaindrou, gesprochen wird nicht. – So jedenfalls meine Erinnerung an diese Szene, eine großartige bildliche Veranschaulichung des aufgehört haben real zu existierenden Sozialismus.

Diese Szene ist Teil des großartigen, fast dreistündigen Films ‚Der Blick des Odysseus‚ von Theo Angelopoulos, den ich zweimal im Kino sehen durfte. Das eine Mal war Zufall, eigentlich wollte ich nur dem Lärm der nervtötend knackenden Heizungsrohre in meiner damaligen Wohnung entfliehen. Das Kino Arsenal, damals noch in der Welserstraße in Berlin-Schöneberg, war nicht weit, und die Ankündigung des Films klang zumindest nicht abschreckend. Das zweite Mal war dann Absicht, und ich überredete in meiner Begeisterung eine Freundin, mitzukommen. Zur oben beschriebenen Szene meinte sie nach dem Ende des Films: Die Idee, auf diese Weise das Ende des real existierenden Sozialismus zu zeigen, sei ja sehr gut, aber ganz so ausgiebig hätte der Regisseur seine Idee doch nicht feiern müssen. Ein halbes Jahr später revidierte sie ihre Einschätzung: Es sei genau richtig gewesen, durch die Langsamkeit und Länge der Szene hätten sich die Bilder regelrecht ins Gedächtnis „eingebrannt“.

Lange hat es übrigens gedauert, daß ‚Der Blick des Odysseus‘ (wieder?) auf DVD erhältlich war. Im letzten Jahr erschien er in Originalfassung mit deutschen Untertiteln (Hinweis bei http://dvdbiblog.wordpress.com/2011/03/05/theo-angelopoulos-bei-trigon/, in Deutschland auch erhältlich über den Filmverleih Kairos in Göttingen: http://shop.kairosfilm.de/), zusammen mit weiteren, im Kino ganz selten zu sehenden Filmen von Angelopoulos. (Aus der Box mit sechs Filmen von ‚Die Tage von 36‘ bis ‚Landschaft im Nebel‘ habe ich bislang nur ‚Der Bienenzüchter gesehen, der leider unter einer furchtbaren Bildqualität leidet, als ab man eine VHS-Kassette digitalisiert hätte.)

Während der Dreharbeiten zum Abschluß einer Trilogie, von der ‚Eleni – Die Erde weint‘ und ‚The Dust of Time‘ schon zu sehen waren, ist Theo Angelopoulos am 24. Januar an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben. Ein Nachruf (weitere lassen sich leicht recherchieren): http://www.tagesspiegel.de/kultur/film-polarkreise-der-seele/6112894.html

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Nicht London, sondern Hannover …

Nicht etwa London, wie man es sich bei Lektüre von Sherlock-Holmes-Geschichten vorstellen könnte, sondern Hannover im Nebel. (Vor ein paar Wochen.)

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Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau von Schließung bedroht

Wie aus mehreren Anfragen an die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft hervorgeht, soll das einst nach Gerhart Hauptmann benannte Theater in Zittau seinen Namenspatron verlieren. Auf der Homepage ist darüber noch nichts zu finden, als Betreiber des seit Anfang 2011 wieder mit dem Theater Görlitz fusionierten Theaters ist dort die „Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GmbH“ genannt. Wie man einer aktuellen Petition entnehmen kann, ist sogar geplant, die Theatersparte zu schließen. Wer die Petition zeichnen möchte, kann das hier tun:

https://www.openpetition.de/petition/online/theater-zittau-muss-bleiben

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